Deutschlands schönste Seiten
Auf der Spur der Römer: Mit dem Zug durchs Moseltal
© Kruwt / Fotolia.com
Diesen Ausblick dürfen Bahn-Reisende bei der Zugfahrt durchs Moseltal genießen.
  • Auf der Spur der Römer: Mit dem Zug durchs Moseltal

    Ich will zu diesem Römer da!“, ruft ein kleiner Junge und zieht seine Mutter am Arm zu einem bronzenen Reiterstandbild. Doch auf dem Pferd sitzt kein Römer, sondern Kaiser Wilhelm I. Stolz und aufrecht blickt er über die Landspitze, an der die Mosel in den Rhein fließt. So falsch liegt der Junge aber nicht. Von der Moselmündung am Deutschen Eck in Koblenz sind es nur ein paar Schritte zum Zentrum der alten Römerstadt.

    Altes römisches Kastell vor der Kastorkirche

    Jahrzehntelang suchte man die Spuren des frührömischen Kastells in der Altstadt – und grub dann 2011 bei den Bauarbeiten für die Bundesgartenschau auf der Wiese vor der Kastorkirche Überreste aus. Heute ist der Fundort wieder zugeschüttet und von den römischen Mauern nichts mehr zu sehen, bis auf eine Info-Tafel neben dem Brunnen der Bundesgartenschau.

    Will man den alten Römern wirklich auf die Spur kommen, ihre Bauten besichtigen und sogar einem von ihnen in Fleisch und Blut begegnen, muss man in den Zug steigen, von Koblenz nach Trier. Am schnellsten geht es mit dem Regional-Express. Doch wozu die Eile? Die Moseltalbahn, so steht es am Triebwagen der Regionalbahn, hält auf den 113 Kilometern an 30 Stationen. Belohnt werden Reisende mit mannshohen Fensterscheiben und fast zwei Stunden Zeit, sich die Nase daran platt zu drücken.

    Ein Klima, das Feigen und Oleander gedeihen lässt

    Noch in Koblenz quert der Zug das erste Mal die Mosel, dann schmiegen sich die Gleise ans Ufer des Flusses, dem sie für die erste Hälfte der Strecke nicht mehr von der Seite weichen. Terrassenmosel nennt man diesen Abschnitt, in Jahrtausenden haben die Fluten ein Bett in das Rheinische Schiefergebirge gespült. Am linken Fenster ragen nackte Uferfelsen in die Höhe, am rechten scheinen die Reihen der Reben fast senkrecht emporzuwachsen; nirgends in Europa sind die Weinberge steiler.

    Schon die Römer sollen hier die ersten Terrassen angelegt haben

    Sie müssen sich wie zu Hause gefühlt haben in einem Klima, das Feigen, Palmen und Oleander gedeihen lässt. Am Fuße der Hügel drängeln sich kleine Städtchen: Oberfell, Alken, Brodenbach – Orte, von denen die meisten noch nie etwas gehört haben, obwohl sie so hübsch sind, dass sich jeder als Postkarten-Motiv eignen würde. Links durchschneiden Sportboote die spiegelglatte Wasseroberfläche der Mosel, rechts prahlen Weinberge mit ihren Namen: Moselkerner Rosenberg, Müdener Funkenberg, so steht es in großen Buchstaben am Hang, fast wie in Hollywood. Das passt zu der filmreifen Kulisse.

    Mit der Sesselbahn 155 Meter in die Höhe

    Auf halbem Weg liegt einer der schönsten Schauplätze der Strecke: Cochem. Eine Million Besucher kommen jährlich. Die meisten wissen, wo man hin muss, um das Städtchen in seiner ganzen Pracht zu sehen: zur Sesselbahn. Wie in einen Skilift steigt man in die fahrenden Gondeln und hebt ab – sofern man es sich nicht anders überlegt. „Es gibt Leute, die springen kurz bevor es losgeht wieder ab“, sagt Jörg Lampen.

    Auf offener Strecke aus der Bahn gesprungen ist in den 15 Jahren, in denen er den Betrieb leitet, aber noch niemand. „Da überwinden die Leute lieber ihre Höhenangst.“ Der Mut wird belohnt: Mit baumelnden Beinen schwebt man über die Birnenbäume, lautlos, bis auf das leichte Vibrieren des Gleichstrommotors. 155 Höhenmeter – und ein kleiner Spaziergang zum Aussichtspunkt am Pinnerkreuz.

    Über Cochem thront die Reichsburg

    Da liegt Cochem, die vielleicht schönste Stadt an der Mosel: Bunte Häuschen reihen sich um die malerische Flussschleife, Schwäne gleiten über das Wasser, und über allem thront die Reichsburg mit ihren spitzen Türmchen, auf deren höchstem ein goldenes Mosaik des heiligen Christophorus in der Abendsonne glänzt.

    Auch in Cochem sollen die Alten Römer gesiedelt haben; Jörg Lampen von der Seilbahn ist davon nichts bekannt. „Römer?“, fragt er, zurück an der Talstation. „Sie meinen Italiener? Die kommen selten. Wir haben hier fast nur Holländer.“

    Seit 135 Jahren dampfen Loks durch den Berg

    Hinter Cochem werden die Schleifen, in denen sich die Mosel durchs Land windet, immer größer. Folgten die Gleise weiter dem Fluss, wären es bis zum nächsten Halt über 20 Kilometer. Querfeldein sind es gut fünf – also ab durch den Berg. Es wird schwarz vor den Fenstern. Für Eisenbahn-Freunde ist das der Auftakt zum Höhepunkt der Reise.

    Der Kaiser-Wilhelm-Tunnel ist einer der berühmtesten Deutschlands

    Seit 1879 dampfen hier die Lokomotiven durch den Berg, lange war er der längste Eisenbahn-Tunnel des Landes: 4205 Meter. Zurück im Licht rollt der Zug über die Doppelstock-Brücke Alf-Bullay. In der Etage unter der Bahn fahren Autos – was man wissen muss, weil man sie aus dem Fenster natürlich nicht sehen kann.

    Faszination Pündericher Hangviadukt

    Und dann kommt das Bauwerk, das Eisenbahn-Liebhaber und gewöhnliche Fenstergucker gleichermaßen fasziniert: das Pündericher Hangviadukt. Die zehn Meter hohe Ziegelbrücke führt nicht über den Fluss, sondern einen unwegsamen Steilhang entlang. Über einen Dreiviertelkilometer begleitet das längste Eisenbahn-Hangviadukt Deutschlands eine Fluss-Schlinge der Mosel. Es ist, als legte die Strecke zum Abschied noch einmal einen steinernen Arm um den Fluss, den sie in der nächsten Kurve verlassen und kurz vor der Ankunft in Trier wiedertreffen wird.

    Römerstadt Trier

    Dort angekommen, steht der Römer, den sich der Junge in Koblenz gewünscht hatte, plötzlich vor einem: „Mein Name ist Salvian.“ In Toga und Ledersandalen lehnt er an einer Säule vor der Porta Nigra, dem alten Stadttor von Augusta Treverorum, einst die Residenzstadt des weströmischen Reichs. Haar und Bart des Mannes sind so weiß wie sein Gewand, er ist etwas in die Jahre gekommen, kein Wunder: Salvian von Marseille, ein römischer Priester, ist um das Jahr 400 nach Christi geboren – auch wenn er das selbst anders rechnet. „Nach Christi? Was soll das heißen? Wir leben in der 300. Olympiade.“

    Zeitangabe auf Römisch

    Der verkleidete Stadtführer nimmt seine Rolle ernst. Hans-Joachim Kann, 71, früher Englisch- und Deutschlehrer und Hochschul-Professor, spricht nur in Maßeinheiten, die zu Salvians Zeiten gängig waren. Die Höhe der Porta Nigra gibt er mit 100 Fuß an, die Uhrzeit bestimmt er nach dem Sonnenstand, statt zehn Minuten sagt er: „So lange, wie es dauert, ein Ei hart zu kochen.“

    Mächtiger römischer Ziegelbau: Die Konstantin-Basilika

    Der Fußweg von der Porta Nigra bis zur Konstantin-Basilika dauert ein hart gekochtes Ei. Er führt über die Simeonstraße, früher Haupt-Verkehrsweg der Römer, heute eine belebte Fußgängerzone. Am Hauptmarkt, einem kopfsteingepflasterten Platz mit historischen Häusern, biegt Salvian halblinks ab, und kurz darauf steht er vor dem Thronsaal der Konstantin-Basilika. In dem mächtigen Ziegelbau liegt der größte erhaltene Einzelraum der Antike, „100 Fuß hoch, 200 Fuß lang“. Doch die Türen sind verschlossen.

    Weiter zu den Kaiserthermen

    Salvian läuft durch die Räume und Bedienungs-Gänge des Römerbads, zeigt die Spuren der antiken Holzverkleidung und den Abdruck eines Zirkels, den ein Architekt vor hunderten von Jahren versehentlich eingemauert hat. Nach drei Stunden Stadtführung ist der alte Priester erschöpft. Zur Römerbrücke wären es noch einmal zwei harte Eier, doch das ist ihm jetzt wirklich zu weit.

    Eine Münze in der Mosel als Opfer für den Flussgott

    Aber die Geschichte von dem alten Brauch, die muss er noch erzählen. „Wenn wir auf dem Weg nach Köln oder Bonn mit unseren Gespannen die Brücke überqueren, werfen wir eine Münze in die Mosel – als Opfer für den Flussgott und Glücksbringer für die lange, beschwerliche Reise.“ Dann holt er einen Beutel mit antiken Münzen hervor, und während die Bronzetaler in seiner Hand klimpern, wird Salvian wieder zu Hans-Joachim Kann, dem Lehrer und Professor, der so gerne Archäologe geworden wäre.

    2000 alte römische Münzen aus der Mosel

    1971, erzählt er, wurde wegen Schleusen-Arbeiten der Wasserspiegel der Mosel gesenkt – halb Trier stand im trockenen Flussbett und buddelte nach Münzen. Doch keiner war so hartnäckig wie er, der noch weitergrub, als die Mosel längst wieder Normalstand erreicht hatte. Er stieg in Badehose in die Fluten, das Wasser reichte ihm bis zur Unterlippe. Er hob Schaufel für Schaufel Schlamm in ein Sieb. Zehn Jahre lang. Als das Graben 1981 verboten und die Stelle zum Grabungs-Schutzgebiet erklärt wurde, hatte Hans-Joachim Kann über 2000 römische Münzen geborgen. Nicht auszuschließen, dass eine davon dem echten Salvian gehörte.

     

    Tipp aus der Printausgabe: April / Mai 2014 | Dorothee Fauth

    Ausflugtipps vor Ort

  • Unsere Restauranttipps in der Region

    Doctor Weinstube

    Elegante Küche in rustikalem Ambiente, Doctor-Weine.

    Adresse: Hebegasse 5, 54470 Bernkastel-Kues
    Telefon: 06 5 31/9 66 50
    Öffnungszeiten: Täglich 7:30 - 10:30 Uhr, 12:00 - 14:30 Uhr, 18:00 - 22:00 Uhr

    www.doctor-weinstube-bernkastel.de
    Graacher Tor

    Kreative Küche und Leckerbissen von nah und fern oder ein Moselsteig-Burger.

    Adresse: Graacher Str. 3, 54470 Bernkastel-Kues
    Telefon: 0 65 31/46 59
    Öffnungszeiten: Freitag - Dienstag 12:00 - 14:30 Uhr und 17:30 - 21:00 Uhr,
    Sonntag bis 20:00 Uhr,
    Mittwoch und Donnerstag geschlossen

    www.graacher-tor.de
    anno 1640

    Gans im Glück oder Das leckere Entlein: moselländische Küche als kulinarische Erzählungen.

    Adresse: Kallenfelsstr. 257,54470 Bernkastel-Kues
    Telefon: 0 65 31/9 65 50
    Öffnungszeiten: Montag - Samstag 11:00 - 22:00 Uhr,
    Sonntag 11:00 - 18:00 Uhr

    maerchenhotel.com
  • Unsere Ausflugstipps in der Region


Städte in der Region Moseltal

Regionen im Umfeld