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Bahn-Zeitreise durchs Bergische Land
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Ein Zug fährt über die Müngstener Brücke bei Solingen. Die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands überspannt in 107 Metern Höhe das Tal der Wupper.
  • Bahn-Zeitreise durchs Bergische Land

    Es war ein Knochensplitter, der Solingen-Gräfrath schon früh zur Berühmtheit im Bergischen Land werden ließ. Das winzige Stück soll aus dem Skelett der Heiligen Katharina von Alexandrien stammen. Die Reliquie, untergebracht in einem 1185 gegründeten Augustinerinnen-Kloster, machte den Stadtteil zu Beginn des 14. Jahrhunderts zum Wallfahrtsort.

    Das Deutsche Klingenmuseum zeigt Schneid-Geräte aller Art

    Das Kloster gibt es schon lange nicht mehr, und doch pilgern noch immer zahlreiche Menschen in die historischen Gewölbe, um sich allerlei Scharfes anzuschauen. Das Deutsche Klingenmuseum zeigt die Produkte, für deren Herstellung die Stadt noch heute berühmt ist: Schneid-Geräte aller Art. Zu bestaunen gibt es Messer, Gabeln, Nagelscheren, Zigarrenabschneider, Gebäckzangen, chirurgisches Besteck und natürlich feinste Schwert- und Säbelklingen, deren Herkunfts-Bezeichnung schon den Edelmännern im Mittelalter Respekt abtrotzte: „Me fecit Solingen“ – Ich wurde in Solingen gemacht.

    Die Fahrt mit der Bahn durch das Bergische Städtedreieck Solingen – Remscheid – Wuppertal ist nicht nur ein besonderes Naturerlebnis, sondern auch eine Zeitreise durch die Industrie der Klingen- und Werkzeug-Produktion. Entlang des Wuppertals findet man noch heute gut erhaltene Kotten, in denen bis ins 20. Jahrhundert mithilfe von Wasserkraft riesige Schleifsteine Sensen, Scheren, Schwertern und Degen den letzten Schliff gaben.

    Die Müngstener Brücke, höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands

    Vom Solinger Hauptbahnhof sind es nur ein paar Minuten Zugfahrt, bis der Zug den Fluss überquert. Und viel spektakulärer als hier kann man wohl nicht „über die Wupper gehen“. In 107 Metern Höhe rollt der Zug über die Müngstener Brücke (siehe Foto oben) und gibt den Blick frei auf die dicht bewaldeten Hänge entlang des Flusstals.

    Ein Bauwerk der Superlative

    Die Verbindung zwischen Solingen und Remscheid, die zum 100. Geburtstag von Kaiser Wilhelm I. am 22. März 1897 Richtfest feierte, zeigt sich als Bauwerk der Superlative. Die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands hat eine Länge von 465 Metern und ist 5000 Tonnen schwer. Ihre Bauweise ähnelt der des Eiffelturms. 934.456 Nieten halten die sechs Tragepfeiler und den mächtigen Bogen zusammen, und angeblich, so sagt man hier, sei eine davon aus Gold.

    Der Bergische Eifelturm – eine Sensation

    Was selbst der Preußische Landtag bei der Bewilligung der Finanzmittel nicht ahnen konnte: Schon kurz nach Baubeginn im Jahre 1894 wurde der schmucklose Ingenieurbau zur Sensation. Touristen reisten an, um einen Blick auf den Bergischen Eiffelturm zu erhaschen.

    In den 1950er-Jahren erschloss die Gastronomie das darunterliegende Tal. Es gab einen Minigolfplatz und einen Märchenwald. Doch so wie die Brücke verwitterten über die Jahre auch sie. Die Wupperauen wucherten zu, ein einsames Fachwerkhaus am Ufer rottete vor sich hin.

    2006 wurde der Müngstener Brückenpark schließlich neu angelegt

    Jetzt steht wieder die Natur im Mittelpunkt. Aussteigen lohnt sich hier. Von der Haltestelle Solingen-Schaberg führt der recht steile Wanderweg als Spielpfad an einem der mächtigen Brückenpfeiler-Fundamente vorbei hinab zum Brückenpark. Vor allem an den Wochenenden erholt sich hier die bergische Bevölkerung von den Strapazen des Alltags, genießt beim Picknick das sanfte Plätschern der Wupper, die wildromantische Schönheit der Natur und den Ausblick auf die Müngstener Brücke.

    „Das hier ist absolut einmalig, dieser Ort hat etwas Spirituelles“, schwärmt Ulrich Hütten. „Als ich das erste Mal hierher kam, dachte ich: Das ist es.“ Und so blieb der Kölner im Bergischen. Seit 2010 nun betreibt Gastronom Hütten das Haus Müngsten im Brückenpark. Bei der Gestaltung der Fassade aus Glas und rostig anmutendem Cortenstahl ist es Architekten gelungen, Landschaft und industriellen Charme in Einklang zu bringen.

    Die neue Attraktion: die Schwebefähre

    Hütten weist den Weg hinüber zu einer weiteren neuen Attraktion. Die Schwebefähre führt auf abenteuerliche Weise ans gegenüberliegende Ufer der Wupper. Auf zwei dicken Seilen fährt eine Plattform über den Fluss. Wer einsteigt, kann auch selbst mit anpacken, denn die Fähre wird per Wippe wie eine Draisine mit rein mechanischer Kraft betrieben.

    Nicht immer war es so idyllisch wie heute

    Von hier aus lohnt sich die rund einstündige Wanderung durch das europäische Naturschutzgebiet Fauna-Flora-Habitat der unteren Wupper hoch zu Schloss Burg. Nicht immer war es dort so idyllisch wie heute. Die industrielle Entwicklung, vor allem die Papier- und Textilindustrie, hatte ihre Spuren hinterlassen. Lange Zeit galt das Gebiet als Einöde. Doch die Natur eroberte sich die Landschaft über die Jahrzehnte zurück.

    Eisvögel, Feuersalamander, Schwarzspechte und Fledermäuse leben hier

    Wer aufmerksam durch die artenreichen Buchenwälder wandert, kann Eisvögel, Feuersalamander, Wasseramseln und Schwarzspechte entdecken. In der Dämmerung ziehen Fledermäuse unter der mächtigen Brücke aus Stahl ihre Bahnen.

    Ein Sessellift bringt Besucher zum Schloss

    Vom malerischen Ort Unterburg aus führt ein Sessellift hoch zum prächtigen Schloss der Grafen von Berg, die dem Bergischen Land seinen Namen gaben. In dem um 1900 wiederaufgebauten Gemäuer hat der Schlossbau-Verein die höfische Kultur des Mittelalters wieder zum Leben erweckt. Mit zahlreichen Alltagsgegenständen, Ritterrüstungen und natürlich Waffen der Marke „Made in Solingen“.

    Ausgetretene Stufen führen hinauf zum Bergfried von Schloss Burg

    Der Aufstieg lohnt sich. Von hier aus kann man herrlich den Blick ins Tal der Wupper schweifen lassen. Ein Bus bringt den Wanderer zurück zur Müngstener Brücke, von wo aus die Zugfahrt ins nahe gelegene Remscheid weiterführt.

    Sehenswert: Das Werkzeug-Museum in Remscheid

    Die drittgrößte Stadt im Bergischen Land ist zwar keine Touristen-Metropole, dennoch gibt es auch hier einiges zu entdecken. Vom 62 Meter hohen Rathausturm reicht die Sicht bei klarem Wetter sogar bis zu den Spitzen des Kölner Doms. Berühmt aber ist Remscheid für sein Werkzeug. Nur wenige Minuten sind es vom Busbahnhof nach Remscheid-Hasten, wo das Deutsche Werkzeug-Museum unter anderem Einblick in die Fertigung in der Steinzeit, die Verhüttung von Eisenerz im Mittelalter bis hin zur Erfindung der Herstellung von nahtlosen Röhren durch die Brüder Mannesmann gewährt.

    Tuchmacher-Stadt Lennep

    Einige Kilometer weiter hält der Zug in Lennep, einer der ältesten Städte des Bergischen Lands. Der berühmteste Sohn der Tuchmacher-Stadt ist der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen, der mit seiner Entdeckung der durchdringenden Strahlen die Welt veränderte. Im Deutschen Röntgen-Museum ist sogar das Labor zu sehen, in dem der Nobel-Preisträger seine bahnbrechende Entdeckung machte.

    Mit der Schwebebahn durch Häuser-Schluchten

    Jetzt ist es nicht mehr weit bis nach Wuppertal. Am besten, man verlässt den Zug schon an der Station Oberbarmen und steigt um in das Gefährt, das die Stadt berühmt gemacht hat: die Schwebebahn. Mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde rattern und schaukeln die Waggons seit ihrer Eröffnung im Jahr 1901 durch die Häuser-Schluchten der Stadt. Die Züge hängen an einer durchlaufenden Schiene, die als Fahrbahn dient.

    Annette Haufe liebt dieses Gefühl

    Seit elf Jahren sitzt sie am Steuer einer Schwebebahn und hat damit ihren Kindheitstraum verwirklicht. „Etwas Schöneres kann ich mir nicht vorstellen“, sagt sie mit leuchtenden Augen. „Ich schwebe über die Stadt, sehe morgens die Sonne aufgehen, ich kenne fast alle Fahrgäste vom Sehen. Für mich ist es ein Traumjob.“

    Tuffi, der Elefant in der Schwebebahn

    Und natürlich kennt die 46-Jährige die Geschichte von Tuffi, dem Elefanten, die man sich in der Stadt bis heute erzählt. Das halbwüchsige Tier wurde am 21. Juli 1950 zu Werbezwecken für einen Zirkus in der Schwebebahn transportiert. Bereits nach wenigen Metern geriet der Dickhäuter in Panik, brach durch eine Seitenwand aus und landete leicht verletzt in der Wupper.

    Doch trotz des Lärms und einiger Zwischenfälle stehen die Wuppertaler hinter ihrem Wahrzeichen. Davon ist die Schwebebahn-Fahrerin überzeugt. Im Herbst vergangenen Jahres musste die Bahn wegen Reparaturen sechs Wochen gesperrt werden. Als die Züge wieder fuhren, hängte ein Mann ein Laken aus dem Fenster, erinnert sich Haufe. Darauf stand: „Endlich wieder schweben.“

     

    Tipp aus der Printausgabe: Juni / Juli 2014 | Christian Parth

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