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Bahnfahrt zu den Feengrotten: Mit dem Zug durchs mittlere Saaletal
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Ein Zug durchfährt den Bahnhof.
  • Bahnfahrt zu den Feengrotten: Mit dem Zug durchs mittlere Saaletal

    Auf ihrer Reise durch das mittlere Saaletal macht die Bahn im Paradies Station. Jena Paradies, so heißt der Fernbahnhof der thüringischen Großstadt, benannt nach dem idyllischen Stadtpark, der bereits im Mittelalter entstand. Er ist nur eine von vielen Sehenswürdigkeiten jener reichen Kulturlandschaft in Deutschlands Mitte, die sich seit 1874 mit dem Zug entdecken lässt.

    Urige Windmühlen, weite Saaleauen

    86 Kilometer lang ist die Bahnstrecke, die von der Domstadt Naumburg im Süden Sachsen-Anhalts bis Saalfeld am Rande des Thüringer Schiefergebirges reicht. Mit dem Zug benötigt man eine gute Stunde für die Fahrt. Eigentlich. Denn jeder Halt verführt dazu, auszusteigen. Man will zu den urigen Windmühlen wandern, deren hölzerne Räder von weichen Hügeln am Horizont winken; zu den alten Bauernhäusern pilgern, die einsam auf weiten Saaleauen stehen; durch die dichten Mischwälder streifen, deren Ausläufer streckenweise bis an die Gleise reichen. Und zur imposanten Ruine der Rudelsburg steigen, die bei Bad Kösen auf einem steil abfallenden Muschelkalkfelsen über dem gewundenen Flussbett thront.

    Bauern und Fürsten hinterließen ihre Spuren

    „An der Saale hellem Strande, stehen Burgen stolz und kühn“, besingt ein Volkslied die Festungen der Landschaft. Nicht nur Bauern und Fürsten hinterließen ihre Spuren. Ab dem 18. Jahrhundert zog es einige der bedeutendsten deutschen Gelehrten ins Saaletal. Sie sollten hier große Erfolge in den unterschiedlichsten Wissensdisziplinen erzielen und der Region den Ruf eines geistigen Zentrums bescheren.

    Ankerpunkt war Jena mit seiner Universität

    Philosoph Johann Gottlieb Fichte schuf die Grundlagen seiner Sittenlehre, Zoologe Ernst Haeckel baute sein Evolutionsmuseum auf, Carl Zeiss, Ernst Abbe und Otto Schott krempelten die Optiklehre um. Natürlich hat auch Universalgenie Johann Wolfgang von Goethe der Stadt seinen Stempel aufgedrückt. Er gründete den Botanischen Garten, die Mineralogische Sammlung und die Universitätsbibliothek. „Stapelplatz des Wissens“ nannte er Jena voller Stolz.

    Friedrich Schiller schrieb hier an „Maria Stuart“ und dem „Wallenstein“

    Sein Freund Friedrich Schiller, der einst an der Jenaer Universität Geschichte und Philosophie lehrte, erwarb 1797 ein Sommerhaus, das damals noch vor den Toren der Stadt lag. Im Garten ließ er ein Türmchen errichten und feilte dort – mit Blick auf die Dächer Jenas und die thüringischen Berge – an den Dramen Maria Stuart und Wallenstein. Durchs offene Fenster hörte er die Leutra rauschen und die Blätter des angrenzenden Waldes rascheln.

    Mithilfe historischer Briefe wurde die Geschichte des Hauses rekonstruiert

    „Er schrieb dort oft bis tief in die Nacht hinein“, erzählt Dr. Helmut Hühn, Literaturprofessor und Leiter des Gartenhauses. Dank historischer Briefe konnten er und seine Kollegen die Geschichte des Hauses rekonstruieren. So erfuhren sie, dass Schiller gern im üppigen Garten spazierte, im Sommer am Zwetschgenbaum rüttelte und Sohn Karl die Früchte auflas. Und dass zahlreiche Dichter und Denker sich später von dem Ort inspirieren ließen.

    Heute ist Schillers Gartenhaus ein vielbesuchtes Museum

    Neben Tintenfass und knarzenden Holzdielen ist auch der steinerne Gartentisch ein Originalrelikt. „In dieser Laube haben wir oft am alten Steintisch gesessen und so manches gute und große Wort miteinander gewechselt“, entsann sich Goethe in einem Brief. „Um den stets schwer schuftenden Schiller auf andere Gedanken zu bringen, holte ihn Goethe oft mit der Kutsche ab“, erzählt Hühn. „Sie machten dann Ausfahrten in das wunderschöne Umland, zum Beispiel nach Zwätzen und entlang der Saale.“

    An Ausflugszielen herrscht kein Mangel in der Region

    Einen überwältigenden Blick über die Auen und Wälder bieten die markanten Erhebungen, die das mittlere Saaletal rahmen. Darunter der 385 Meter hohe Jenzig, Jenas Hausberg, und der Johannisberg, der Reste einer Wallanlage aus der Bronzezeit trägt. Die zerklüfteten Saalefelsen haben eine gemeinsame geologische Geschichte, die vor 200 Millionen Jahren begann

    Mildes Klima dank Muschelkalk-Berge

    Die majestätischen Muschelkalk-Berge sorgen nicht nur für spektakuläre Aussichten, sondern auch für schönes Wetter: Durch die starke Sonnenreflexion an den steilen, kahlen Hängen und die wärmespeichernde Wirkung des Gesteins herrschen im Tal ausgesprochen milde Jahres-Durchschnitts-Temperaturen. In den Laubwäldern des Rautals nördlich von Jena breiten sich im Februar duftende gelbe Blüten-Teppiche aus. Winterlinge heißen die zarten Vorboten des Frühlings, die sonst nur in südlicheren Gefilden gedeihen.

    Das warme Klima ließ in der Region auch den Weinanbau blühen

    Bereits im 11. Jahrhundert bewirtschafteten Winzer die Hänge des Saaletals. Dicht folgt die Bahn den wilden Schleifen der Saale, die vorbeiziehende Landschaft weiß viel zu erzählen von Zeiten, als Flüsse noch Lebensadern waren. Im Umkreis alter Gehöfte und Gassendörfer finden sich die knorrigen Überbleibsel traditioneller Streuobstwiesen.

    Funkelnder Schiefer ziert Dächer und Kirchtürme

    Funkelnder Schiefer ziert Dächer und Kirchtürme der flussnahen Fachwerkdörfchen. Das als „blaues Gold“ bekannte Baumaterial wurde einst im Thüringer Schiefergebirge geschürft. In Uhlstädt, wo ein Wehr den ungestümen Strom bändigt, steht am Ufer das Flößerei-Museum, das von der Geschichte der Saale-Flößer berichtet.

    Goldgelbe, leuchtende Barock-Fassade: Schloss Heidecksburg bei Rudolstadt

    Bald hinter der Station Uhlstädt hat Schloss Heidecksburg seinen großen Auftritt. Im Innern löst es ein, was seine goldgelbe Barock-Fassade von Weitem verspricht: Besucher können durch den prunkvollen Rokokosaal wandeln und sich im Spiegelkabinett an Zerrbildern ihrer selbst erfreuen. Dem Residenzschloss zu Füßen liegen die Häuser von Rudolstadt, das den Beinamen „Schillers heimliche Geliebte“ trägt. Verstecken muss die Stadt sich nicht. Hier findet sich das Freiluftmuseum „Thüringer Bauernhäuser“ und die spätgotische Hallenkirche St. Andreas, deren Geläut Schiller zu seiner Ballade von der Glocke inspiriert haben soll. Schließlich rollt der Zug in Saalfeld ein.

    Ein grünes Band säumt die Grenzen der Stadt

    Wald und Berge liegen so nah, dass die Wander-Wegweiser mitten in der Innenstadt stehen. Auch der Ort selbst lohnt einen Bummel, er führt an einem fast vollständig erhaltenen mittelalterlichen Stadtmauerring und dem schönen Renaissance-Rathaus mit seinem achteckigen Treppenturm vorbei.

    Die farbenreichsten Schaugrotten der Welt

    Die größte Attraktion Saalfelds liegt unter der Erde: die Feengrotten. Bis ins 19. Jahrhundert wurde hier Alaunschiefer zum Gerben von Leder abgebaut, 1914 machte man den stillgelegten Stollen der Öffentlichkeit zugänglich. Minerale und Eisen lassen die unterirdischen Hohlräume, Tropfsteine und Grottenseen in schillernden Farbtönen leuchten. „Die farbenreichsten Schaugrotten der Welt“, lautet der Eintrag im Guinness-Buch. Aufgrund der weichen Struktur des Minerals Diadochit, der sogenannten Bergbutter, wächst der Tropfstein tausendmal schneller als in Kalksteinhöhlen.

    Allergiker und Hustengeplagte können hier aufatmen

    Die Schauhöhlen durchströmt extrem reine, kühle und feuchte Luft – weshalb sie das Prädikat Heil-Stollen tragen. „Zu uns kommen auch Leute, die einfach entspannen wollen“, sagt Ilse Binder, eine Krankenschwester, die seit neun Jahren die Gäste des Heil-Stollens umsorgt. Sie ist 74 Jahre alt und eigentlich längst in Rente. Aber der Job hält sie jung, am wohl gesündesten Arbeitsplatz Deutschlands herrscht nie dicke Luft. Nur kalte Füße bekommt man schnell.

    Vor der zweistündigen Höhlenkur wickelt Ilse Binder ihre Gäste in kuschelige Schlafsäcke

    Und sie serviert eine spezielle Tee-Mischung, die Krämpfe löst und die Nieren anregt. Auch die Erben der großen Geister des Saaletals zieht es oft in die heilsame Höhle: die Studenten der altehrwürdigen Jenaer Universität. Nutzen sie die Stille und die inspirierende Atmosphäre der Grotte, um hier an eigenen Geniestreichen zu arbeiten? Frau Binder muss kichern. „Die bringen einen riesigen Stoß Bücher zum Lernen mit, und kaum haben sie sich hingelegt, fallen ihnen die Augen zu.“ Doch wer weiß, schon so manch berühmter Gelehrte soll im Schlaf die besten Ideen gehabt haben.

     

    Tipp aus der Printausgabe: Januar 2015 | David Krenz

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