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Brockenbahn: Auf Schienen zum Blocksberg
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Fahrt mit der Brockenbahn durch die verschneite Winterlandschaft.
  • Brockenbahn: Auf Schienen zum Blocksberg

    Die Reise zum Zauberberg beginnt in graufeuchtem Nebel. Morgendlicher Dunst und der Dampf der Lokomotiven haben einen Schleier über den Bahnhof von Wernigerode gelegt. An Gleis 34 zeichnen sich die Umrisse Dutzender Gestalten ab: Reisende, dem Geheimnis des Brockens auf der Spur. Der berühmt-berüchtigte Wetterberg im Herzen Deutschlands wird von eisigen Winden und geheimnisvollen Mythen umweht. Gespenster gingen dort um, heißt es. Hexen träfen sich zum Tanze. Auf dem Brocken, sagt man, sei der Teufel los.

    Fahrt mit der Brockenbahn durch die verschneite Winterlandschaft

    Der Harz, eine ovale Gebirgsinsel am Schnittpunkt von Thüringen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, ist Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge. Eine urwüchsige Bergwildnis mit reißenden Flüssen, gluckernden Hochmooren und finsteren Fichtenwäldern. Über allen Wipfeln und Gipfeln thront der Brocken. Das gewaltige, 1142 Meter hohe Granitmassiv zieht die Menschen seit Jahrhunderten in seinen Bann – als Schauplatz etlicher Spuk-Geschichten. Nicht nur in Goethes „Faust“ wird dort oben Walpurgnisnacht gefeiert.

    Die Menschen im Harz sind stolz auf ihren Blocksberg

    Sie stellen hölzerne Hexen in die Vorgärten. Wernigerode bietet eine Stadtführung „Auf den Spuren von Hexen und Teufeln“ an. Auch die Wanderwege klingen dämonisch: Der 100 Kilometer lange Pfad von Osterode über den Brocken nach Thale heißt „Hexen-Stieg“; „Teufels-Stieg“ nennt sich die Tagestour, die von Bad Harzburg direkt – nein, nicht in die Hölle – auf die Brockenkuppe führt.

    Die Brockenbahn bringt die Gäste mit Volldampf nach oben

    Die meisten Brockenbesucher lassen sich von einer alten Dame in Schwarz zum Gipfel bringen. Nicht mit einem Besen oder auf einem gehörnten Ziegenbock, sondern auf Schienen. Denn die Dame ist kein Hexenweib, sondern ein Koloss aus 60 Tonnen Stahl. Auf schmaler Spur führt die Brockenbahn von Wernigerode durch die wilde Pracht des Harzer Nationalparks und schraubt sich dabei in anderthalb Berg-Umrundungen bis zum Gipfel. Die 900 Höhenmeter bewältigt sie aus eigener Kraft ohne Stahlseil oder Zahnräder.

    Eine Kulisse wie im Märchenfilm

    Hinter der Station Hasserode verschwinden Häuser und Straßen im Wald. Mit Volldampf faucht die Lok in den Nationalpark hinein. Während am Horizont die dunklen Hänge und tiefen Schluchten des Oberharzes ein betörendes Panorama bilden, drängeln sich vor dem Waggonfenster die strammen schlanken Stämme unzähliger Fichten. Dampf verfängt sich im Dickicht, Holz modert am Waldboden, Moos kriecht über nackten Fels. Wie die Kulisse eines Märchenfilms wirkt die Szenerie. Kaum verwunderlich, dass mit manchem Dichter hier die Fantasie durchging.

    Vorne im Führerstand herrscht Gluthitze

    Vorn im Führerstand bleibt keine Zeit für Träumereien. Im Schweiße seines Angesichts schippt der junge Heizer unablässig Kohle in den gierigen Schlund der Lokomotive. Für den steilen Anstieg muss er der Dampfmaschine mächtig Druck machen. Dreieinhalb Tonnen Kohle verfeuert er auf der Fahrt vom Brocken und zurück. Während die Gluthitze aus der Feuerbüchse das Gesicht des Heizers röstet, pfeift klirrend kalte Luft durch die Ritzen des Triebwagen-Bodens. Als würden Kopf und Oberkörper in der Sauna stecken, die Füße dagegen in Eiswasser baden. „Unsere Arbeit ist etwas anderes, als im klimatisierten ICE Knöpfe zu drücken. Hier läuft alles mechanisch, das ist Handarbeit“, ruft Lokführer Hartmut Wegener in den Fahrtlärm hinein.

    Kohlrabenschwarz sind seine Hände

    Mit der rechten regelt er das Tempo, mit der linken den Sandstreuer. Sand hilft, die Reibung auf nassen, rutschigen Schienen zu erhöhen. Lokführer Wegener ist genauso alt wie seine Lokomotive: 58 Jahre. Die Geschwindigkeit liest er digital ab, sonst funktioniere alles wie früher, sagt er. „Nur die Kohle ist besser.“ Er meint nicht sein Gehalt, sondern die Briketts im Kohlentender, die aus Schlesien stammen und groß wie Goldbarren sind. Zu DDR-Zeiten seien es noch kleine Klümpchen aus der Ukraine gewesen, die sie Kosakenkies nannten.

    Seit 1898 fahren Kleinbahnen auf den Brocken

    Nach langer Pause während der deutschen Teilung, als der Brocken militärisches Sperrgebiet war, gingen sie 1991 wieder auf die Strecke. Hartmut Wegener ist sie seither Hunderte Male rauf- und runtergerattert. Fabelwesen seien ihm bislang keine begegnet, nicht einmal schwarze Katzen. Dafür erspäht er öfters Wild, sagt er, „und am Gipfel ziehen Füchse umher“. An den Schönheiten der Strecke hat er sich nie sattgesehen. „Ich mag besonders den Winter, wenn die Brockenmoore glitzern“, schwärmt er. Der Brockenzauber schafft es offenbar, jeden in einen Romantiker zu verwandeln.

    Bahn-Station Schierke – Start vieler Brocken-Wanderungen

    Vor der Station Schierke werden in den Waggons eifrig Stiefel geschnürt. Der Kurort ist Startpunkt vieler Wanderungen, etwa zur Feuersteinklippe, einer imposanten Formation aus Granitfelsen, die rotbraun in der Sonne schimmern. Ein schriller Pfiff, dann setzt sich die alte Lok wieder knirschend und ächzend in Bewegung. Der Wald wird wilder, über Torfmooren und Sumpflöchern ragen die Skelette abgestorbener Birken empor. Die Lok ist auf über 1000 Meter in subalpine Sphären geklettert. Kümmerlich wirken die Fichten hier, der Wind hat sie zu krüppeligen Wesen verformt.

    Oberhalb der Baumgrenze

    Hier wachsen Alpenbewohner wie die Brocken-Anemone, deren weiße Blütenkelche im Frühjahr die Bergheide leuchten lassen. Nach anderthalb Stunden erreicht der Zug sein Ziel. Eisiger Wind fegt über die Brockenkuppe. Aussteigen erfordert Mut, der mit einem prächtigen Rundumblick belohnt wird. Bei klarem Wetter sind sogar Kassel, Magdeburg und die Rhön zu sehen.

    Geisterwesen lassen sich keine blicken

    Und in dem schwarzen Turm auf dem Gipfel wohnt auch kein Hexenmeister. Stattdessen öffnet ein freundlicher Mann mit Lockenmähne das eiserne Tor. Ingo Nitschke, 53, arbeitet für den Deutschen Wetterdienst. Obwohl er und die anderen Wettertechniker hauptsächlich am Computer sitzen, müssen sie regelmäßig raus: auf dem Dach der Wetterwarte Temperatur und Windstärke messen und im Winter an verschiedenen Punkten Schneehöhen ablesen. „Wenn es richtig stürmt, kriechen wir auf allen Vieren zu den Messstellen“, erzählt Nitschke.

    Der Brocken ist ein Berg der Extreme

    In manchen Jahren fallen 3000 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, der Wind wird 200 Stundenkilometer schnell. Noch vor dem schottischen Ben Nevis ist er der nebelreichste Ort Europas: 306 Tage im Jahr hüllt sich der Berg in einen Schleier. „Für uns Meteorologen ist das verrückte Wetter hier hochinteressant“, sagt Nitschke. In Nachtschichten hockt er ganz allein im Turm. Viele Menschen würde kalter Grusel packen, wenn bei Orkanwetter der Wind um die Mauern heult und sie zum Wanken bringt. Nicht Nitschke, dessen Eltern ebenfalls Wetterbeobachter auf der Brockenwarte waren.

    Wechselspiel von Frost, Sturm und Nebel

    Schon als Kind lernte er, dass knisternde Luft und zu Berge stehende Haare nicht von schwarzer Magie, sondern von Gewitter künden. Dass hinter dem ominösen Brocken-Gespenst ein optischer Effekt steckt, der bei tiefstehender Sonne riesenhafte Schatten in die Wolken wirft. Und dass die furchteinflößenden Eishexen, die Generationen von Brocken-Wanderern erschaudern ließen, bloß Bäume sind, denen im Wechselspiel von Frost, Sturm und Nebel bizarre Eisnasen wachsen. Nitschke gibt aber zu: „Wenn man im Zwielicht in der Ferne diese Gestalten erblickt, kann man sich gut vorstellen, woher die ganzen Sagen stammen.“

    All diese Erkenntnisse tun dem Zauber und der Anziehungskraft des Brocken keinen Abbruch. Auch ohne dass ihn Hexen und Geister bevölkern, beschert er seinen Besuchern eine Vielzahl magischer Momente.  

    Tipp aus der Printausgabe: Dezember 2014 | David Krenz

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