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Dampflok-Führer für einen Tag
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Details einer restaurierten Dampflok.
  • Dampflok-Führer für einen Tag

    Die Else steht im Morgengrauen und stößt eine dünne, schwarze Rauchfahne in die Luft. Ein Dutzend Männer hat sich eingefunden und wirft der dampfenden alten Lady bewundernde Blicke zu. Else ist 73 Jahre alt und trägt die offizielle Bezeichnung „Moderne Dampflokomotive 52 8038“. Viele ihrer Bewunderer haben einen weiten Weg nach Stadthagen im Weserbergland auf sich genommen, um sich einen großen Traum zu erfüllen: einmal in ihrem Leben Lokomotivführer spielen.

    Am Wochenende den Dampflok-Führerschein ablegen

    Der Verein Dampfeisenbahn Weserbergland e. V. gibt ihnen an einem Wochenende die Möglichkeit dazu, wenn sie den Dampflok-Führerschein ablegen. „Wir müssen Else acht Stunden vor der Fahrt mit Holz anheizen“, erklärt Lehrlokführer Jörg Kluge. Er trägt eine schwarze Wolljacke mit silbernen Knöpfen, dazu derbe schwarze Schuhe. Es knistert und knackt; in der sogenannten Feuerkiste unter dem gewaltigen Kessel glühen Holzscheite und Funken.

    Historische Dampflokomotiven sind fast schon ein Mythos

    Ob Transsibirische Eisenbahn oder Orient-Express – die Faszination, die von diesen eisernen Kolossen ausgeht, verbindet Generationen. Schließlich haben sich auch schon die Großväter und Väter mit leibhaftigen Eisenbahnen oder den Nachbildungen von Märklin beschäftigt. So wie Burkhard Schmidt aus Göttingen: Der 56-Jährige, groß, mit grauem Vollbart und im rotblau karierten Holzfällerhemd, hat drei Kinder, mit denen er „sehr intensiv“ Zug gespielt hat. Schmidt selbst ist ebenfalls vom Fach – als Signaltechniker der Deutschen Bahn. „Den Führerscheinkurs habe ich geschenkt bekommen“, verrät er.

    20 Bahn-Begeisterte haben Dampflok Else zusammen restauriert

    Auch einige der anderen Teilnehmer sind Eisenbahner oder zumindest begeisterte Modellbahner. Ein 20-Mitglieder-Verein restaurierte das Dampfross. Enthusiasten wie ihnen verdankt Else ihren zweiten Frühling. Vor 20 Jahren setzte sie ihre 156 Tonnen nach langer Zeit zum ersten Mal wieder in Bewegung. Vorausgegangen war eine aufwendige Restaurierung durch den Verein. „Wir haben gerade mal 20 Mitglieder. Von denen sind fünf Leute permanent mit der Dampflok beschäftigt“, berichtet Jörg Kluge, der selbst rund 500 Stunden Freizeit im Jahr auf dem Vereinsgelände am Bahnhof zwischen Lokschuppen, Gleisen und alten Personen-Waggons verbringt.

    Im Sommer zieht Else den „Weserbergland-Express“

    Als Lohn der vielen Mühen geht Else dann mehrmals pro Sommer-Halbjahr mit fünf angekoppelten Waggons unter dem Namen „Weserbergland-Express“ zwischen Stadthagen und Rinteln auf Tour – ein echtes und ursprüngliches Dampflok-Erlebnis für jeweils rund 200 Passagiere. „Das ist eine sehr selten befahrene Route“, berichtet Kluge, „landschaftlich sehr reizvoll, ein bisschen Berg-und-Talbahn.“ Eine „schöne Eisenbahn“ sei die Strecke vom talwärts gelegenen Rinteln herauf: „Da kannste ordentlich schippen und richtig viel Schwung holen.“

    Schönste Strecke: Von Rinteln nach Steinbergen

    Der schönste Abschnitt ist für Kluge das Teilstück von Rinteln nach Steinbergen – „mit einer Steigung wie bei der Brockenbahn. Wenn du dann mit Volldampf durch das Weserbergland fährst, macht das großen Spaß.“

    Als ob Else den letzten Satz mitgehört hätte, zischt sie kräftig

    Daran muss man sich erst mal gewöhnen. An einer oder zwei Stellen tröpfelt heiß dampfendes Wasser aus den Leitungen. „Wo ein Bolzen am Kessel kaputt ist, läuft das Wasser aus“, erklärt der Experte. Das sei aber nicht weiter schlimm. Insgesamt 162 Heizröhren durchziehen von der Feuerbüchse ausgehend den Kessel. Sie werden von allen Seiten mit Wasser umspült, damit ordentlich Dampf entstehen kann, der die Maschine antreibt.

    Technik zum Anfassen sorgt für Begeisterung

    Vom kraftvollen Schnauben bis zum Kohlegeruch: Die Begeisterung für Dampflokomotiven nahm zu, je weiter die Elektrifizierung der Züge voranschritt. Hier funktioniert noch alles rein mechanisch – mit Öl, Dampfdruck und Ruß. Da wird man schmutzig, da muss man Kraft aufwenden.

    Zuvor werden die Kursteilnehmer zum Theorieunterricht gebeten

    In einem grünen Waggon, einem ehemaligen Speisewagen mit blau-weißen Fenstervorhängen, schlägt Jörg Kluge ein dickes und speckiges Buch auf: das Betriebsregelwerk der Deutschen Bahn. Es geht um Signale und Fahrtregeln. Aufmerksam hören die Männer zu.

    Nach der Mittagspause: Die Dampflok-Technik wird erklärt

    Nach der Mittagspause mit Bockwurst, Brötchen und Fachsimpeleien über Spurbreiten und Hauptsignale erklärt Kluge die Technik der alten Maschinen. „Am wichtigsten ist das Wasser“, betont der Norddeutsche, denn „eine Dampflok steht immer unter Dampf“. Dieser wird in die Zylinder geleitet, wo er die Kolbenschieber in Bewegung setzt und das typisch stampfende Geräusch produziert. Die Kolben wiederum bewegen mit den von außen sichtbaren Treibstangen die Räder.

    Draußen wartet Else schon auf die Teilnehmer

    Bevor es endlich auf den Führerstand geht, ist ein Kontrollgang um die Lokomotive Pflicht. Mit einem mächtigen Schraubenschlüssel klopft Kluge mal hier dagegen und mal dort. Dazu erklärt er, warum das Einölen der Radlager so wichtig ist: „Das sind empfindliche Verschleißstellen.“ Über den Köpfen pufft und zischt es, ein paar Ventile öffnen sich. Auf einmal wird die Gruppe in warmen Wasserdampf gehüllt.

    Jetzt geht’s los

    Jeder Kursteilnehmer darf das Dampfross knapp zwei Kilometer führen. Das Gesicht des Heizers ist rußgeschwärzt. Aus seinen Augen sprühen Funken der Begeisterung, wenn er die eiserne Tür zur Feuerbüchse öffnet und die Kohle aus dem Tender hineinschaufelt.

    Intensiverlebnis bei 30 Kilometern pro Stunde

    Im Führerstand finden fünf Leute gerade noch Platz. Hier drinnen ist es dunkel. Es quietscht und zischt, es riecht nach Kohle und Eisen. Und es ist heiß. Runde Druck- und Wasserstands-Manometer zeigen an, was gerade im Kessel vor sich geht. Ein dutzend Rädchen und Hebel dienen der Kontrolle von Ventilen und Pumpen. „Kuschelig warm hier“, findet Burkhard Schmidt, als er an der Reihe ist. Er löst die Bremse mit dem Druckregler, sodass der Führerstand vibriert. Die Luftpumpe beginnt zu arbeiten. „Öffne jetzt den Dampfdruckhebel bis 30 Kilometern pro Stunde“, weist Kluge an. „Okay“, bestätigt Schmidt.

    Es ruckelt, und das Stampfen beginnt

    Bei 30 Kilometern pro Stunde schließt Schmidt den Dampfregler. Draußen zieht die inzwischen dunkle Landschaft vorüber. Bei all den Geräuschen und dem Fahrtwind am Fenster wirkt die Geschwindigkeit höher. Man sieht dem Bahn-Mitarbeiter seine Begeisterung an: „So etwas kann man nicht alle Tage erleben.“ Der Dampflok-Ehrenführerschein berechtigt ihn natürlich nicht, eine solche Lok zu führen. Das war den Teilnehmern schon vorher klar. „Aber mit dem Modellbahnfahren werde ich bestimmt wieder anfangen.“

     

    Tipp aus der Printausgabe: Januar 2017 | Torben Dietrich

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