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Bodensee-Insel Reichenau - die reiche Au
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Die Insel Reichenau im Bodesee ist vom Klima besonders begünstigt und heute das südlichste Gemüse-Anbaugebiet Deutschlands.
  • Bodensee-Insel Reichenau - die reiche Au

    Am Montag nach Pfingsten zeigt sich der Frühling in seiner ganzen Pracht. Die Blumen blühen in den schönsten Farben, an den Bäumen leuchten die Blätter in frischem Grün. Auch die Menschen haben sich fein gemacht: Die Soldaten der Bürgerwehr tragen rot-weiße Uniformen, die Frauen des Trachtenvereins blaue Gewänder und schwarze Fächerhauben. Hohe geistliche Würdenträger haben ihr rotes Festgewand angelegt und eine goldene Monstranz in die Hand genommen: Die Prozession kann beginnen.

    Das Heilig-Blut-Fest in Mittelzell ist der wichtigste der drei Inselfeiertage auf der Reichenau

    In der Monstranz liegt ein kleines Stofftuch, das mit dem Blut Christi getränkt sein soll. Es ist die kostbarste Reliquie, die die Menschen auf der Insel im Bodensee besitzen. Vor mehr als 1000 Jahren kam das Stück hierher, ursprünglich war es ein Geschenk für Kaiser Karl den Großen. Ein Schatz von unbezahlbarem Wert, wie so viele der Schätze, die auf der Unesco-Welterbe-Insel zu finden sind.

    Die Reichenau selbst ist ein Schatz

    Das wissen auch die vielen Touristen, die jährlich die Insel im Untersee zwischen Radolfzell und Konstanz besuchen. Mit ihren viereinhalb Kilometern Länge und anderthalb Kilometern Breite ist sie die größte Insel im Bodensee. Heute leben immerhin 3500 Menschen dort. Das Herz der Reichenau schlägt im Inseldorf Mittelzell, wo auch das berühmte romanische Münster St. Maria und Markus steht.

    Die Geschichte der Insel begann 725 mit Mönch Pirmin

    Der Legende nach legte er eine Schlangengrube trocken und machte aus einem undurchdringlichen Urwald ein fruchtbares Eiland. Die Hauptstraße der Insel trägt heute seinen Namen, auf dem im 19. Jahrhundert angelegten Damm ist ihm eine Statue gewidmet. „Reiche Au“ sollte seine Insel später heißen, doch keineswegs nur, weil hier Boden und Klima besonders günstig sind. Es war vor allem der geistige Reichtum, der die Reichenau berühmt machte: berühmt, wohlhabend und überaus einflussreich.

    Abt Waldo erhob das Kloster Reichenau Ende des 8. Jahrhunderts in den Rang einer karolingischen Reichsabtei. Sie war nun direkt dem Kaiser unterstellt und eine Speerspitze Karls des Großen für die Mission im Alemannengebiet, die er mit allerlei Privilegien ausstattete. Dazu gehörte eine Gelehrtenschule, die bald zu einer Art Eliteuniversität des frühen Mittelalters werden sollte: Dutzende von geistlichen und weltlichen Größen wurden hier ausgebildet. Sie schufen ein Netzwerk, das die Reichenau ins Zentrum des Abendlandes rückte. Abt Hatto III. brachte es bis zum Kanzler des Reichs. Als er König Arnulf 895 zur Kaiserkrönung nach Rom begleitete, konnte er auf dem ganzen Weg auf eigenem Grund und Boden übernachten.

    So reich war die Reichenau, dass ihr Güter vom Bodensee bis zum Mittelmeer gehörten

    Von der Reise brachte Hatto als Reliquie das Haupt des Heiligen Georg mit. Ein Geschenk aus der Hand des Papstes. Mit ihr gründete Hatto die Kirche St. Georg in Oberzell, die heute auf einem Hügel zwischen den Salatbeeten steht.

    Die Reichenau ist eine einzigartige Schatzkammer

    Auch die Heilig-Blut-Reliquie war viel unterwegs. Nachdem man sie während des Dreißigjährigen Kriegs in ein Nonnenkloster in Günterstal bei Freiburg auslagert hatte, geriet sie in Vergessenheit. Erst 100 Jahre später fand sich ihre Spur wieder. Solche und ähnliche Geschichten kennt Manfred Müller (56) viele. Er ist der Mesner des Münsters Maria und Markus in Mittelzell und Hüter der Schatzkammer. Zu deren Schätzen gehört etwa die Reliquie des Evange­listen Markus, Überreste seiner Gebeine, die fest eingeschlossen in einem heiligen Schrein liegen. Manfred Müller ist einer der wenigen Mesner, die ihre Tätigkeit hauptberuflich ausüben. „Hier ist eine besondere Situation“, sagt er und meint damit auch die drei Inselfeiertage. „Sie gehören zu unserer Identität.“ Der erste ist am 25. April Markus gewidmet, dem Münsterpatron, der letzte am 15. August Maria, die über die Kirche und das Kloster wacht. Zusammen mit dem Heilig-Blut-Fest am Montag nach Pfingsten entsprechen die Termine der Feste einem Jahreszyklus: Dem Aufkeimen der Natur folgen ihre Blüte und die allmähliche Vergänglichkeit.

    Ein Abt begründete 827 die Kultur des Gartenbaus

    Auch die Inselfeiertage gehören zum Welterbe. Im Jahr 2000 erhielt die Reichenau den Titel von der Unesco, 2003 wurde zudem die Buchmalerei ins Welt-Dokumentenerbe aufgenommen: Dutzende von unschätzbar wertvollen Werken wurden hier verfasst und veredelt, darunter das Evangeliar von Otto III. und das Perikopenbuch von Heinrich II. mit Bibelstellen. Das bekannteste Werk der Reichenauer Schule ist aber ein ganz anderes. Es sollte eine Kultur begründen, für die die Insel heute in hohem Maße steht: den Gartenbau.

    In den 444 Versen seines 827 verfassten „Hortulus“ beschrieb Abt Walahfrid Strabo 24 Kräuter samt ihres Erscheinungsbilds und ihrer Wirkung. Salbei, Sellerie, Melone, Weinraute und Schlafmohn waren darunter. Nur mit der Nummer 21, von ihm als Ambrosia bezeichnet, gab er der Nachwelt Rätsel auf, die seither darüber streitet, ob es sich um Rainfarn oder die Schafgarbe handelt. 1991 hat man den Kräutergarten nach Walahfrids Muster im ehemaligen Klostergarten neu angelegt. Dort führt auch ein Radweg vorbei, auf dem man die Insel wunderbar erkunden kann.

    Heute ist die Insel Reichenau das südlichste Gemüseanbaugebiet Deutschlands

    Auf 150 Hektar Freiland und 40 Hektar in Gewächshäusern werden Tomaten, Gurken, Salat und vieles mehr angebaut. Auf der Reichenau gibt es keine Massenproduktion. 90 kleine und mittlere Familienbetriebe bewirtschaften die Felder, nicht selten drei Generationen gleichzeitig. Gärtnerin und Gästeführerin Ingrid Günther kennt sich besonders mit den historischen Heilpflanzen auf der Insel aus. Ihr hat es vor allem der Salbei angetan, den auch Walahfrid verehrte: „Was stirbst du Mensch, hast du doch Salbei“, soll er einmal gesagt haben. Erstaunlich gut kannten sich die Mönche auch mit Frauen-Heilkräutern aus: „Da machen sich manche natürlich ihre Gedanken, warum“, sagt Ingrid Günther lächelnd. „Aber es kann ja sein, dass sie Kranke außerhalb der Insel versorgt haben.“

    Mit nur 40 Jahren starb der berühmte Abt und Botaniker

    Er war ein Mann aus dem Volk, ein Aufsteiger, ein typischer Vertreter des goldenen Zeitalters auf der Reichenau, als jeder die Chance hatte, nach oben zu kommen. Mehr als 100 Mönche gab es damals auf der Insel und fast 20 Kirchen und Kapellen. Später sollte nur noch der Adel ins Kloster aufgenommen werden, und im 11. Jahrhundert setzte der Niedergang ein.

    Hermann der Lahme war einer der letzten großen Wissenschaftler der Insel, ein Benediktiner mit universaler Bildung. Die genaue Festlegung des Osterfestes und die Zeitrechnung vor und nach Christus gehen maßgeblich auf ihn zurück. 400 Jahre später gab es nur noch zwei Mönche auf der Reichenau, 1540 wurde die Abtei dem Bischof von Konstanz unterstellt, 1757 aufgelöst.

    2001 kehrten die Mönche zurück auf die Reichenau

    Drei Jahre später wurde an der Inselspitze in Niederzell wieder offiziell eine kleine Gemeinschaft gegründet: Die Cella Sankt Benedikt ist eine Niederlassung der Erzabtei Beuron. Die beiden Pater sind heute als katholische Pfarrer auf der Reichenau tätig. Dreimal am Tag laden sie zum Stundengebet ein: um sechs Uhr, um 12.15 Uhr und um 19.30 Uhr. Dann ist es fast wieder ein wenig wie zu jener fernen Zeit, als die Mönche das Sagen hatten auf der Reichenau.

     

     

     

    Tipp aus der Printausgabe: Februar / März 2014 | Andreas Steidel

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