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Eine Reise in den Barock: Schloss Fasanerie bei Eichenzell
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Schloss Fasanerie in Eichenzell bei Fulda (zu sehen ist die Garten-Fassade) gilt als Hessens schönstes Barockschloss.
  • Eine Reise in den Barock: Schloss Fasanerie bei Eichenzell

    Zu Beginn erlaubt sie sich einen leichten Knick. Danach strebt die lindengesäumte Allee wie mit dem Lineal in die hügelige Landschaft gezogen hunderte Meter auf das Schloss zu: vorbei an den Wachhäusern, durch den Park und auf historischem Pflaster über die Schloss-Höfe. Wer sich genau in die Mitte der Allee stellt, schaut durch alle Portale und Torbögen hindurch. Im Schloss Fasanerie bei Fulda regiert die absolute Symmetrie des Barock – jene Epoche der absoluten Herrschaft des Absolutismus, in der ein Monarch das alleinige Sagen hatte.

    Zeitreise ins Jahr 1776

    Der erste Fuldaer Fürstbischof baute das ehemals schlichte Jagdanwesen im 18. Jahrhundert zur repräsentativen Sommerresidenz aus. Wilhelm II. von Hessen-Kassel ließ die Anlage dann zwischen 1824 und 1827 im Stil seiner Zeit klassizistisch umgestalten. Aus dem Wildgehege – daher der Name Fasanerie – wurde ein französischer Garten und später ein englischer Park. An diesem August-Sonntag verkörpert nicht nur das Bauwerk ein Stück Geschichte. Auch das Leben zwischen den alten Mauern scheint um 240 Jahre zurückgesprungen zu sein. Man schreibt das Jahr 1776: In den englischen Kolonien von Amerika hatten die Unabhängigkeits-Kriege begonnen. George III. brauchte Soldaten, um gegen die Rebellen vorzugehen. Die mietete er zu Tausenden unter anderem beim Landgrafen Friedrich II. und füllte dabei die Staatskasse von Hessen-Kassel mit 20 Millionen Reichstalern. Eine solche Finanz-Spritze ließ das Land aufblühen.

    Genau in diese Jahre führt die Zeitreise an dem Wochenende, zu der die Gesellschaft für Hessische Militär- und Zivilgeschichte jedes Jahr ins Schloss Fasanerie einlädt. Die Akteure jener Epoche sind dem Ruf gefolgt: der Landgraf höchstselbst, jede Menge Militär aus allen Landen, Adlige, Handwerker, Bürger, Bauern, Marketenderinnen, die das Heer mit Lebensmitteln und Gebrauchs-Gegenständen versorgten, und Gesindel. Sie haben ihre Zelte im Obstgarten und im Hofgarten des Schlosses aufgeschlagen. Geboten sind Pistolen-Duelle, Fechtschule, Moden-Schauen Und so beginnt der Tag im Schloss ganz anders als sonst. Nicht museal beschaulich, sondern mit grellen Trompeten-Stößen. Die Soldaten kriechen aus ihren kleinen Zelten, die Offiziere treten aus den etwas größeren. Die Damen und Herren des adligen Lustlagers müssen erst einmal ihre Morgen-Gewänder anlegen, ehe sie die Vorhänge ihrer Unterkünfte beiseiteschlagen und hinausschreiten können.

    Wer die Müdigkeit abgeschüttelt hat – der Samstagabend in der Taverne des Lagers war lang –, schlüpft schnell in seine Rolle: Man verbeugt sich höfisch auf dem Weg zum neuzeitlichen WC, spricht einander höchstoffiziell mit Dienstgrad an oder nickt nur schläfrig und zeitlos. Langsam kommt die Zeitreise auf Touren: Soldaten exerzieren auf dem Paradeplatz, und zwei Kontrahenten liefern sich ein (inszeniertes) Pistolen-Duell. In der Fechtschule des Baron de Fleur werden die Klingen gekreuzt, vor der Militärschenke lautstark Freiwillige angeworben.

    Isomatten, Handys und Schlafsäcke sind tabu

    Eine Alternative zur blutigen Lazarett-Vorführung ist die Modenschau des 18. Jahrhunderts. Daneben spielt sich das alltägliche Leben von damals ab: Über den Lagerfeuern köcheln Suppen, die Akteure rauchen genüsslich Pfeife oder polieren ihre Gewehre. Freund und Feind sitzen bunt gemischt beieinander. Kommandos ertönen, Spielleute ziehen mit Pfeifen und Trommeln über das Gelände. Die Regeln für jene, die nicht nur als Zuschauer auf Zeitreise gehen wollen, sind streng. Isomatten und Schlafsäcke sind ebenso ein Unding wie Handys, Plastikflaschen oder eine Eistüte in der Hand.

    Strenge Kleider-Vorschriften

    Und selbst das, was keiner sieht, unterliegt strengen Vorschriften: Kein Klettverschluss darf die Kleidung zusammenhalten, keine synthetische Spitze die Unterwäsche zieren. Im Lustlager des Adels sind Dagmar Schrade und ihre Tochter Marla sowie Matthias Jung aus Starnberg dabei, sich für standesgemäßes Flanieren auszustaffieren: Strümpfe, Schuhe, Unterröcke, das eigentliche Kleid, Tüchlein, Hut. Lange haben sie recherchiert, wie die Roben aussehen müssen und aus welchen Materialien sie bestehen sollen. Die Stickerei und fast alle Näharbeiten entstanden von Hand. „Ich war sofort dafür herzukommen, Matthias mussten wir erst überreden“, erzählt die 14-jährige Marla. „Es ist so toll hier mit all den Leuten. Und das Schloss ist die perfekte Kulisse. Klar wären Shorts an so einem heißen Tag angenehmer. Aber in einer Robe mit Korsage ist man wie verwandelt, ich bewege mich darin ganz anders.“

    Prinzessin Karoline führt durch die Märchenwelt

    Der Museumsalltag im Schloss geht trotz der Veranstaltung draußen weiter. „Die Prinzessin kommt gleich“, verspricht die Kassiererin den aufgeregten Kindern, die auf die Märchen-Führung warten. „Wer von euch traut sich, ans Portal zu klopfen?“ Ein kleines Mädchen nimmt all seinen Mut zusammen. Hinter der sich langsam öffnenden Tür erscheint tatsächlich – Prinzessin Karoline. Vor allem die jungen Damen bestaunen das prachtvolle Kleid der Museums-Führerin. Und schon ist der kleine Trupp unterwegs in der Märchenwelt. Die Kinder entdecken Aschenputtels goldenen Schuh auf der Kaisertreppe und die Kugel des Froschkönigs im Thronsaal.

    Manchmal begegnen sie auf ihrer Runde Erwachsenen, die eine kulturhistorische Führung mitmachen. Und während die einen das Lied von Dornröschen singen oder ausprobieren, ob sie wie einst die Prinzessin durch ein Kissen die Erbse spüren, versuchen die anderen, die komplizierten Familien-Beziehungen der Schlossherren nachzuvollziehen, die sich mit vielen Höfen Europas zusammengeheiratet hatten. Auch das Schloss mit seinen vielen Flügeln und Sammlungen, seinen Sälen, Zimmern, Treppen und Gängen ist kaum zu überschauen.

    Den Überblick hat Markus Miller

    Der Museumsdirektor kennt nicht nur alle Räumlichkeiten, sondern auch deren Zustand. Die seit Jahren laufende Restaurierung geht ihrem Ende entgegen. Besonders viel Fingerspitzen-Gefühl erforderte dabei die Entscheidung, welche der historischen Epochen bewahrt werden sollte. „Sowohl das fürstbischöfliche Rokoko als auch der Klassizismus und selbst einige Umbauten aus dem 20. Jahrhundert prägen das Schloss“, erläutert Miller. „Deshalb haben wir von Raum zu Raum und von Fall zu Fall entschieden, was bewahrenswert ist. Selbst wenn ein barockes Gemälde irgendwann eine klassizistische Rahmung erhalten hat, haben wir diesen Mix so belassen.“ Ebenso wichtig ist den Denkmalpflegern, dass die Anlage nicht im oft beschworenen „neuen Glanz“ erstrahlt, sondern ihre Patina behalten darf. Die schweren Samtvorhänge wurden zwar gereinigt und repariert, können jedoch, über Jahrhunderte erblasst, noch immer ihre authentische Geschichte erzählen – und in Würde weiteraltern.

    Draußen bahnt sich derweil eine kriegerische Auseinandersetzung an. Wohlinszeniert gehen die Soldaten aufeinander los, ihr Gebrüll wird nur vom Donner der Geschütze übertönt. Auf dem Gefechtsfeld tobt der amerikanische Bürgerkrieg. Im Schlosspark bekommt man davon nicht viel mit. Er ist erfüllt von Gelassenheit. Hier herrscht schon der Klassizismus des 19. Jahrhunderts in Form eines englischen Landschafts-Parks mit Teichen, geschwungenen Wegen, von Gehölzen umrahmten Wiesen und immer neuen Sichtachsen. Mit etwas Fantasie sieht der Spaziergänger die Pracht des ausgehenden Barockzeitalters dennoch hindurchschimmern: Chinesischer und japanischer Pavillon erinnern an das Treiben im einstigen Lustgarten. Und dann ist da noch dieser Hauch von Symmetrie – und eine schnurgerade Allee in die Landschaft hinaus.

    Tipp aus der Printausgabe: August / September 2016 | Marlies Heinz

    Die Schlossherren Schloss Fasanerie und seine Kunstsammlungen sind Bestandteil der Familienstiftung des hessischen Fürstenhauses, zu der noch weitere Schlösser und Unternehmen gehören: Gestüt und Gut Panker bei Kiel, der Familiensitz Schloss Wolfsgarten im hessischen Langen, Schloss Friedrichshof mit dem Schlosshotel Kronberg in Kronberg im Taunus, das Hotel Hessischer Hof in Frankfurt am Main sowie das Weingut Prinz von Hessen im Rheingau. Blick in den Kalender In Park und Schloss stehen rund ums Jahr eine Vielzahl von Sonderausstellungen, Konzerten, Theatervorstellungen und Märkten auf dem Programm. Die „Zeitreise ins 18. Jahrhundert“ findet immer am zweiten Wochenende im August statt (13./14.08.2016), der bundesweite „Tag des offenen Denkmals“ am zweiten Samstag im September (11.09.2016). Für den Mai nächsten Jahres kann man sich das alljährliche „Fürstliche Gartenfest“ vormerken.

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