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Einmal Sylt und zurück mit der Marschbahn
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Ein Zug fährt über den Hindenburgdamm. Er verbindet die nordfriesische Insel Sylt mit dem Festland von Schleswig-Holstein.
  • Einmal Sylt und zurück mit der Marschbahn

    Die Fahrt zum nördlichsten Zipfel Deutschlands offenbart die Schönheit der schleswig-holsteinischen Landschaft in all ihrer Vielfalt. Leise schleicht sich die Nordostseebahn aus dem Altonaer Bahnhof, krümmt und windet sich aus Hamburg heraus. Ihr Ziel: Westerland auf Sylt. Rechts grüßt der Fernsehturm zum Abschied. Nicht mal 20 Minuten, nachdem der Zug den belebten Bahnhof mit täglich mehr als 90.000 Reisenden verlassen hat, wird es ländlich. Braunweiße Kühe liegen auf einer Weide vor einem Backsteinhaus, dahinter ein Wäldchen, sonst flaches Land. Die Ruhe der vorbeiziehenden Landschaften strahlt geradezu durchs Fenster ins Abteil.

    Kaum hat der Zug Fahrt aufgenommen, steht er auch schon wieder

    Erster Halt: Elmshorn. Kurzentschlossene, die doch lieber an der Ostsee entspannen möchten, steigen hier in Richtung Kiel um. Die Reise geht weiter auf dem Streckenabschnitt, der Elmshorn mit dem nördlichsten Zipfel Deutschlands verbindet.

    Marsch und Geest bestimmen hier die Landschaft

    Bei der platten Marsch handelt es sich um trockengefallenen fruchtbaren Meeresboden, auf dem Obst, Gemüse und Blumen gedeihen. Die höher gelegene Geest mit ihren kargen sandigen Böden zeichnet sich durch sanfte Hügel mit Wäldern und bewaldeten Feldgrenzen aus. Für Marschbewohner galt es bis ins 20. Jahrhundert hinein als unschicklich, jemanden von der Geest zu heiraten, denn so kam kein wertvolles Land in die Familie.

    Ohne Eile tuckert die dieselbetriebene Bahn gen Norden

    Die Bahnstrecke, der die Marsch ihren Namen gab, verläuft von Itzehoe über Wilster nach St. Michaelisdonn. Früher brachte eine Drehbrücke bei Taterpfahl Reisende über den Nord-Ostsee-Kanal. Heute rumpelt die Marschbahn weiter nördlich über die 15.000 Tonnen Stahlfachwerk der Hochdonnbrücke. Beim Passieren wandert der Blick tief in die Ebene hinein. Sattes Grün umsäumt den Kanal, auf dem ein Frachter seine Ladung Richtung Nordosten schippert. Felder ziehen vorbei, stahlblau überwölbt vom Horizont.

    Nächster Halt Husum

    In der Ferne liegen Bauernhöfe wie kleine Inselgruppen auf dem platten Land, umkreist von ein paar Vögeln. Wer schon Seeluft schnuppern will, steigt in Husum aus. Die Sonne wärmt durchs Fenster, und Reisende öffnen ihre Verpflegungs-Pakete. Sanft schaukelt der Zug von rechts nach links, dann erreicht er Husum. Für seine Geburtsstadt fand Theodor Storm nicht gerade einladende Worte: „Am grauen Strand, am grauen Meer. / Und seitab liegt die Stadt; / Der Nebel drückt die Dächer schwer, / Und durch die Stille braust das Meer, / Eintönig um die Stadt.“

    Wer sich selbst ein Bild machen und schon mal Seeluft schnuppern will, steigt hier aus – kauft sich ein Krabbenbrötchen und lässt sich zwischen Giebelhäusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert durch die Gassen treiben, bis hinunter zum Binnenhafen, wo die Nordsee im Spiel von Ebbe und Flut zweimal am Tag Segelschiffe und Sportboote aus dem Schlick wuchtet.

    Pellworm, Amrum und Föhr ziehen vorbei

    Vor der Küste Husums erstreckt sich das nordfriesische Wattenmeer, das seit 2009 als Unesco-Weltnaturerbe anerkannt ist. Die Inseln Pellworm, Amrum und Föhr ziehen vorbei. Währenddessen bummelt der Zug weiter im Landesinneren über die Marsch dem größten nordfriesischen Eiland entgegen: Sylt.

    Über den Hindenburgdamm ins Wattenmeer

    Zwischen den Bahnhöfen Niebüll und Westerland geht es über den Hindenburgdamm geradewegs ins Wattenmeer hinein. Lediglich zwei Gleise führen über die Trasse, die nach einer Bauzeit von vier Jahren 1927 fertiggestellt wurde und Sylt wie eine Nabelschnur mit dem Festland verbindet. Für Urlauber, die mit dem Auto anreisen, führt der Weg zur Königin der Nordsee ebenfalls über die Strecke der Marschbahn: Der schmale Damm ächzt in der Hochsaison unter dem Gewicht von bis zu 4000 Fahrzeugen täglich, die der Autotransportzug SyltShuttle dann übersetzt.

    Friesisches Panorama

    Doch selbst inmitten des Massenansturms bleibt die Fahrt über das Meer eine Begegnung mit der Ursprünglichkeit des friesischen Landschafts-Panoramas. Bei Flut glitzert zu beiden Seiten das Wasser, bei Ebbe glänzt Watt, so weit das Auge reicht. Gut schmeckt die Luft hier, salzig und frisch.

    „Morgens liegt das Meer manchmal wie Gold da“

    „Auf dem Damm kann ich jeden Tag einen unverbauten Sonnenaufgang erleben. Das ist meine Belohnung für das frühe Aufstehen“, sagt Rolf Stahmer. Er steuert als Lokführer den SyltShuttle dreimal täglich von Niebüll nach Westerland. Selbst nach zwölf Dienstjahren auf dem gerade mal elf Kilometer langen Hindenburgdamm überraschen ihn die Naturschauspiele auf der Strecke immer wieder aufs Neue. „Morgens liegt das Meer manchmal wie Gold da. Oder eine einzelne Wolke regnet bei sonst blauem Himmel über Keitum ab“, erzählt der 53-Jährige.

    Ist der Wind zu stark, steht der Zugverkehr still

    Häufig hat sein knapp tausend Tonnen schwerer Autozug mit den schweren Böen zu kämpfen, die über den Damm fegen. „Wenn sich der Wind im Zug festbeißt, müssen die Loks richtig schuften.“ Jagen die Böen zu heftig über Meer und Land, wird der Zugverkehr auch schon mal eingestellt. Die Fahrt über den Hindenburgdamm macht Lust, sich von der rauen Schönheit der Insel umwehen, sich in ihrer Weitläufigkeit verloren gehen zu lassen.

    Endstation Westerland

    Boutiquen und Imbissbuden säumen die Flaniermeile Friedrichstraße. Über die Kurpromenade schieben sich Touristen, im Sand stehen Strandkörbe dicht an dicht. Das Versprechen von geruhsamer Weite löst Sylt an anderen Orten ein. Zum Beispiel am Nössedeich im Sylter Osten. Böen durchstreifen dort das Marschland hinter dem Deich, lassen das Schilf knistern, das um Teiche steht. Über den von Prielen durchzogenen Salzwiesen hängen sich Möwen in den Wind, und wettergegerbte Bänke laden zum Verweilen ein. Uferschnepfen und Goldregenpfeiffer staken über die feuchten Wiesen, auf einer Koppel weiden ein paar Pferde. Nur ab und zu prescht ein Auto mit einheimischem Kennzeichen über die langen Geraden und zerpflügt die Stille, die über dieser herben Schönheit liegt.

    Danica Jansen lebt als Vogelwartin auf Sylt

    Auf dem schmalen Streifen zwischen Festland und Watt, knapp hinter dem Deich, lebt im Rhythmus der Gezeiten Danica Jansen. „Beim Fastenwandern habe ich mich in die Insel verliebt“, sagt die gelernte Hotelfachfrau aus dem niedersächsischen Badbergen, „und mich dann entschieden herzuziehen.“ Jetzt gehört es zu den Aufgaben der Nationalpark-Betreuerin und Vogelwartin der Keitumer Wattschutzstation, Touristen durchs Watt zu führen.

    Geht man mit ihr auf Tour, muss man sich beeilen

    In Ufernähe ist der Wattboden nämlich so weich, dass man gerne stecken bleibt. Satt schmatzt der Schlick bei jedem Schritt und versucht, die Gummistiefel einzusaugen. Der flüchtige Blick übersieht das Leben hier, obwohl sich unzählige Tierchen durch den feuchten Sand wühlen: Wattschnecken, Sandgarnelen und Strandkrabben. Wer genau hinhört, kann das leise Wattknistern vernehmen, das entsteht, wenn Schlickkrebse ihre Antennen spreizen und die Wasserhäutchen dazwischen platzen.

    Selbst Fuchsspuren findet man hier

    Die Raubtiere kamen mit dem Bau des Hindenburgdamms auf die Insel. „Nun machen sie Jagd auf Brutvögel“, erklärt Danica Jansen. Ob sie das Watt nicht irgendwann mal langweile? „Nein“, sagt sie, „es ist jeden Tag wieder anders.“

    Wind und Meer tragen den Sylter Sand ab

    Tatsächlich unterliegt Sylt dem ewigen Wandel wie keine andere nordfriesische Insel. Ständig nagt die Nordsee an ihren weißen Stränden und frisst jedes Jahr eine Million Kubikmeter Sand, der in einem aufwendigen Verfahren wieder vor die Küste zurückgepumpt wird. Die starken Strömungen, die Sylt umtosen, sind besonders eindrucksvoll am Ellenbogen zu beobachten. Diese nördlichste Landesstelle Deutschlands ragt als schmale langgestreckte Halbinsel in die Nordsee.

    Nun geht es zurück Richtung Festland

    Hat man die letzten Friesenhäuser hinter sich gelassen, die sich in die Dünen ducken, die Reetmützen tief ins Gesicht gezogen, kann man sich durch haushohe Sandberge treiben lassen. Nur mit sich ist man hier, wo der Wellenschlag der Nordsee als hörbar gewordene Stille an den Strand brandet. Die Sonne steht tief und wirft ihre Strahlen wie helle Speere übers Wasser. Als die Zeit zum Abschiednehmen gekommen ist, hat Sylt noch lange nicht alle Geheimnisse preisgegeben. Langsam rollt die Marschbahn Richtung Festland. Zurück über den Damm, der für einen Moment so schmal wird, dass sie übers Wasser zu schweben scheint.

     

    Tipp aus der Printausgabe: August / September 2014 | Tobias Oellig

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