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Zu Gast im Erzgebirge
Malte Jäger
Das Neinerlaa wird von November bis zum 6. Januar serviert. Unterm Jahr stehen andere erzgebirgische Klassiker auf der Karte

Zu Gast im Erzgebirge

Im Erzgebirge kommt zu Weihnachten traditionell das Neunerlei auf den Teller – etwa im „Zum Neinerlaa“ in Annaberg-Buchholz

Die neun Bestandteile, die das Neinerlaa ergeben, variieren von Ort zu Ort
© Malte Jäger
Das Neinerlaa wird von November bis zum 6. Januar serviert. Unterm Jahr stehen andere erzgebirgische Klassiker auf der Karte
© Malte Jäger

Wenn der Kellner das „Neinerlaa“ greift, streuselt er vor dem Servieren noch einen Löffel voll Mandelsplitter über die Semmelmilch. Alles andere haben die Köche schon angerichtet. Das ist aufwendig, denn ein Heiligabend-Mahl im Erzgebirge hat – deshalb der Name Neunerlei – neun Bestandteile. Die sind von Ort zu Ort und selbst von Familie zu Familie etwas anders. Mal werden alle neun gleichzeitig aufgetischt, mal in einer bestimmten Reihenfolge.

Im Ratskeller „Zum Neinerlaa“ am Markt von Annaberg-Buchholz kommen sie sogar auf einen einzigen Teller – die Variante für neugierige Touristen, die doch immer irgendwie in Eile sind. Damit das funktioniert, hat das Gasthaus eine besondere Platte erschaffen lassen: Zehn Vertiefungen halten auseinander, was nicht zusammengehört. Warum zehn? Sophie Köhler, Geschäftsführerin und Küchenchefin, hat eine einfache Antwort: „So finden zwei Klöße Platz, nicht nur einer.“

Sie zieht eine der großen schweren Sonderanfertigungen aus dem speziellen Wärmeschrank, auf dem „Neinerlaa-Teller“ geschrieben steht. Die füllt sie während einer Runde von Topf zu Topf und Pfanne zu Pfanne und erzählt dabei, welche Wünsche für das kommende Jahr mit jeder Speise verbunden sind. In die erste Vertiefung krümelt sie kleingeschnittenes trockenes Weißbrot, das später mit einem Schluck Milch durchtränkt wird. Diese Semmelmilch steht für ein gutes neues Jahr. In die nächsten kleinen Gruben gibt die Küchenchefin eine Gabel voll Sellerie für die Fruchtbarkeit und eine mit Rote Beten für die Schönheit. Als sie den Deckel vom Suppentopf zieht, steigt der süßsaure Duft von Linsen auf. Ein Kelle davon soll für reichlich Kleingeld sorgen. Die Klöße, die Sophie Köhler dann aus dem leicht köchelnden Salzwasser fischt, sind zuständig für das große Geld. Fingerlange Bratwürstchen, die die Chefin extra anfertigen lässt, brutzeln in der Pfanne vor sich hin. Sie dienen als Garant für Herzhaftigkeit und Kraft. Rotkraut bewirkt, dass das Stroh lang und die Ernte üppig ausfällt. In die letzte kleine Vertiefung setzt die Köchin behutsam einen glänzenden heißen Bratapfel und übergießt ihn mit etwas Vanillesoße. Diese süße Köstlichkeit schenkt schmerzfreie Stunden.

Vor allem im Advent wird es im Neinerlaa richtig voll

Zuletzt wird die etwas größere Mitte gefüllt. Traditionell mit einer knusprigen Entenkeule. Neben der klassischen Annabercher Enterich-Art stehen noch Buchholzer Hanghiehner-Art mit Gänsekeule, Grumbicher Mondputzer-Art mit Schweinebraten und Alterliner Feierlicher-Art mit Hasenbraten zur Wahl. Etwas seltsam mutet die vegetarische Variante mit gebackenem Blumenkohl im Zentrum an – aber der Gast ist halt König.

Also Mandeln auf die Semmelmilch und servieren! Weil gut gefüllte Neinerlaa-Teller aber kaum tragbar sind, vor allem nicht in den Mengen, wie sie an Adventswochenenden bestellt werden, stapelt der Kellner sie in maßgeschneiderte Servierwagen und kutschiert sie zu den Gästen. Raus aus der hell erleuchteten Küche, hinein in die historische, dunkelbraun getäfelte Gaststube. Die diente in vergangenen Zeiten schon mal als Brotstube, später als Apotheke und erst dann als Restaurant.

Seit sieben Jahren regiert hier Sophie Köhler. Die gelernte Köchin stand in feinen Küchen am Herd, hatte aber irgendwann „ genug von Garnelen und Jakobsmuscheln“. Sie pachtete den alten Ratskeller, kramte erzgebirgische Rezepte heraus und suchte sich Lieferanten aus der Region. Und sie dekorierte ein bisschen Familiengeschichte unter Balkendecke und Gewölbe: den Schwebeengel vom Urgroßvater, Puddingformen, Sammeltassen, eine geschmiedete Lampe.

 Vor allem im Advent, wenn vor der Tür Weihnachtsmarktgewusel herrscht oder die Bergleute ihre festliche Parade abhalten, wird es im „Neinerlaa“ richtig voll. Wem dann zu viele Gäste eng an eng sitzen, der sei daran erinnert, dass auch das eine erzgebirgische Tradition ist. „Hutzen“ nennt sich dieses Miteinander in einer Stube, bei dem einst die Klöpplerinnen nicht nur Geselligkeit fanden, sondern auch Heizkosten sparten. Und so lädt auch Sophie Köhler zum Beieinandersitzen auf der langen umlaufenden Holzbank oder in den Fensternischen. Von einigen Traditionen hat sie sich jedoch verabschiedet: Es liegt beim Neinerlaa-Schmaus kein Stroh mehr unter dem Tischtuch, das an die Krippe Jesu erinnern soll. Und das Geld unter dem Teller, das den Reichtum im kommenden Jahr garantiert? „Da ist eine Münze – aber die habe ich vorsichtshalber festgeklebt.“

Tipp aus der Printausgabe: Dezember 2016 | Marlis Heinz

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Adresse: Große Kirchgasse 19, 09456 Annaberg-Buchholz
Telefon: 0 37 33/2 44 17
Öffnungszeiten: täglich ab 11:00 Uhr

www.zum-tuermer.eu
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Adresse: Markt 1, 09456 Annaberg-Buchholz
Telefon: 0 37 33/ 67 94 09,
Öffnungszeiten: Montag - Samstag 11:30 - 21:00 Uhr,
Sonntag 11:30 - 14:30 Uhr

www.zum-neinerlaa.de
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