Deutschlands schönste Seiten
Zu Gast in Heidelberg
Heinz Heiss
Familientradition: Philipp Spengel leitet das Lokal in sechster Generation

Zu Gast in Heidelberg

Der Rote Ochsen ist eine Attraktion. Wegen der rustikalen Küche und des besonderen Ambientes

Früher ein typisches Festtagsgericht: Ochsenbrust mit Meerrettichsoße
© Heinz Heiss
Symbolfoto: Ein Koch richtet in einer Restaurant-Küche Speisen an.
© vectorfusionart / Fotolia.com

Draußen vor den bunten Fenstern, die stellvertretend für die Fakultäten der Universität Frauenfiguren namens „Jurisprudenz“ und „Medicin“ zeigen, stehen japanische Touristen. Ihre Reiseleiterin gestikuliert, zeigt auf die Fassade des über 300 Jahre alten Hauses in Heidelberg und auf das Wirtshausschild des Roten Ochsen – ein Name, der in früheren Zeiten signalisierte, dass hier Rindfleisch aufgetischt wurde.

Drinnen fällt das Licht auf dunkle Eichenholztische. Von der Decke hängen Trinkhörner zwischen kugelförmigen Leuchten. Geweihe, Degen und historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen schmücken die holzvertäfelten Wände. Der Gasthof Zum Roten Ochsen mitten in der Altstadt Heidelbergs ist Museum und Restaurant zugleich. Wer zum ersten Mal eintritt, hat kaum Augen für die Speisekarte, sondern will sich zunächst an den vielen Details sattsehen.

In der Studentenstadt gilt der Rote Ochsen als Institution: Vor über 175 Jahren eröffnete Albrecht Spengel hier ein Wirtshaus, das sich seit dieser Zeit in Familienbesitz befindet. Philipp Spengel leitet heute den Betrieb in sechster Generation – und hat nur wenig verändert. Aus gutem Grund, denn sein uriges Lokal ist eine Attraktion, in der Stammgäste aus Heidelberg und Umgebung ebenso wie Touristen Platz nehmen. Und zwar an Tischen, die seit der Eröffnung ihren Dienst verrichten. Früher zählten verschiedene Studentenverbindungen zu den Dauergästen: Ihre Symbole sowie ihre Namen haben sie in die Tischplatten geritzt, die bis heute mit Buchstaben und Zeichen übersät sind. An den Wänden finden sich Bilder  aus der Familiengeschichte wie vom Ururgroßvater Carl Spengel bei einem Treffen mit Otto von Bismarck oder von Philipp Spengel als Baby mit Mamie Eisenhower, der Gattin des früheren amerikanischen Präsidenten. Ein signiertes Foto stammt von Mark Twain, der in seiner Heidelberger Zeit ebenso im Roten Ochsen verkehrte wie der Schauspieler Heinrich George. Erst vor zwei Jahren kam sein Sohn Götz George vorbei und signierte die Geburtsanzeige, die sein Vater einst an die Gastronomenfamilie geschickt hatte.

All diese Geschichten kann Philipp Spengel erzählen: Abends, wenn einer der Klavierspieler in die Tasten greift, plaudert der 48-Jährige häufig mit seinen Gästen. Dabei liegt sein Hauptarbeitsplatz eigentlich ein Stockwerk tiefer: Dort zischt in der Küche das Heißwasserbad leise vor sich hin. In einem riesigen Topf blubbert Fleischbrühe. Spengel lässt Butter in einer Pfanne schmelzen, gibt Mehl hinzu und rührt anschließend mit dem Schneebesen die Fleischbrühe unter. Am Ende mischt er Meerrettich in die gelbe, cremige Masse, sodass am Herd ein scharfer Duft aufsteigt. Fertig ist die Soße, die er nun über die gekochte Ochsenbrust gibt. „Das Gericht wurde früher häufig bei Hochzeiten gegessen“, erklärt er, während er zum Fleisch noch Kartoffeln auf den Teller legt.

In Heidelberg sind mehrere Einflüsse zu spüren

In Sternehäusern hat er das Kochen gelernt, doch seit er vor über 20 Jahren in den Roten Ochsen zurückgekehrt ist, bietet Spengel rustikale Küche an, „weil das unsere Gäste wünschen und es auch am besten zu unserem Lokal passt“. Rund 15 typische regionale Speisen finden sich auf seiner Karte. Wobei in Heidelberg mehrere Einflüsse zu spüren sind: Die Stadt liegt im Nordwesten Baden-Württembergs, gehörte früher zur Kurpfalz und später zu Baden. Verschiedene Regionen prägen deshalb auch Spengels Angebot: Neben der Ochsenbrust mit Meerrettichsoße, einem typisch badischen Festtagsgericht, finden sich auf der Karte Sauerkrautplatte mit Pfälzer Saumagen, badisches Schäufele mit Kartoffelsalat, das schwäbische Nationalgericht Linsen mit Spätzle und Odenwälder Hirschragout. Dazu gibt’s Bierspezialitäten, denn Heidelberg ist eine Hochburg des Gerstensafts, oder einen Schoppen Wein. Die Lagen rund um Heidelberg, die zu den nördlichsten Badens zählen, sind vor allem für ihren Riesling bekannt.

Nun richtet der Koch die Ochsenbrust mit Preiselbeeren und Petersilie an. Mit dem Lift fährt der Teller ein Stockwerk hinauf in den Gastraum, wo inzwischen auch die japanischen Touristen Platz genommen haben, um im legendären Roten Ochsen ihren Stadtbummel zu beenden.

Tipp aus der Printausgabe: Juni/Juli 2016 | Claudia List

Unsere Restauranttipps in der Region

Leider liegen zu dieser Region noch keine Restauranttipps vor

Zurück zum Beitrag

Regionen im Umfeld