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Zu Gast in Hessen
Mit Liebe zum Detail ist die Gaststube des 500 Jahre alten Restaurants eingerichtet

Zu Gast in Hessen

Das Restaurant Zum Löwen in Gelnhausen tischt Lumpen, Flöhe und beschwipste Landfrauen auf

Lumpe un Flö besteht aus Weißkohl, Kümmel und Hackfleisch
© Christof Mattes
Mit Liebe zum Detail ist die Gaststube des 500 Jahre alten Restaurants eingerichtet
© Christof Mattes

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“, heißt es in Faust. Zumindest in Goethes Version. Über den Namensgeber des vielfach aufgegriffenen Stoffs, Johann Georg Faust, ist wenig bekannt. Um 1480 geboren, reiste er jahrelang quer durch die Lande – als wandernder Wunderheiler, Magier, Alchemist und Schwarzkünstler. Auf der alten Handelsroute von Leipzig nach Frankfurt machte der „Ur-Faust“ im Jahr 1506 Station in Gelnhausen.

Im Gasthaus Zum Löwen, das aufgrund seiner Lage hinter dem Stadttor auch wörtlich das erste Haus am Platze war

Dort blieb er wohl eine Weile und speiste sicherlich Gerichte aus der Region. So wie sie auch heute noch im Löwen auf den Tisch kommen. Seit 1506 – und vielleicht bereits davor – befand sich das Gasthaus im Familienbesitz. Nach dem Tod des alten Patrons Fritz Rühl im Jahr 2008 übernahmen 2010 Nadine Ghafari und Christof Klages das Zepter. „Urig, traditionell und hessisch, aber dabei modern und auch verspielt – das war unsere Vision vom ehrwürdigen Löwen“, sagt Nadine Ghafari.

Mit viel Liebe zum Detail restaurierten die beiden das alte Fachwerkhaus sowie den gemütlichen Innenhof

Sie studierten zahlreiche Kochbücher der Region und sammelten alte Rezepte der Landfrauen. „Das also war des Pudels Kern!“ Das Geheimnis der hessischen Küche liegt vor der Haustür: „Wir verwenden alles, was die heimischen Weiden, Äcker und Gärten hergeben“, sagt Christof Klages. Hauptzutaten sind daher Kartoffeln, Kohl, Rüben, Äpfel und Fleisch in allen Varianten – als Speck oder Hausmacher Wurst zum Beispiel. Und natürlich Sauerkraut und Eingemachtes – denn das versorgte die Menschen auch über den langen Winter mit Vitamin C.

Fast alle Zutaten kommen aus dem Umland

Eier kommen vom Hühnerhof, Obst und Gemüse vom örtlichen Händler oder Bauern, Wild von heimischen Jägern, das übrige Fleisch von Metzgern oder direkt vom Erzeuger. Sogar die Säfte und der Apfelwein als Klassiker der hessischen Küche werden von lokalen Abfüllern bezogen. Dazu gibt es zwei exklusiv für den Löwen gebraute Biere: das Gelnhäuser Gässche Naturtrüb und – na klar – ein Dr. Faustus Dunkel. Die Rezeptur stammt noch vom Vorgänger, denn im Löwen wurde viele Jahre und Jahrhunderte selbst gebraut. „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn.“ Eine Kombination all dieser Faktoren bietet „Lumpe un Flö“. Bei den Lumpen handelt es sich um in Streifen geschnittenen Weißkohl, der mit Hackfleisch gebraten und mit einer deftigen Schwarzbiersoße abgelöscht wird. Als Gegengewicht zur schweren Kost würzt man in Hessen viel mit Kümmel. So auch hier – als „Flöhe“ im Gericht. Dazu wird traditionell frisches Bauernbrot gereicht. „Das ist ein klassisches Arme-Leute-Gericht im Winter gewesen. Bei uns gibt es das aber natürlich das ganze Jahr über“, sagt Klages.

Wie es sich für Hessen gehört, spielt der Apfel eine wichtige Rolle

Nicht nur im Äppler – also Apfelwein –, sondern auch in den Gerichten. Im Äppelsüppche zum Beispiel oder im Apfeltiramisu – ebenfalls ein altes Rezept. Schon die Schlüchterner Landfrauen haben früher ihren Nachtisch mit einem kräftigen Schuss Calvados verfeinert – weshalb er im Löwen auch den Namen „Beschwipste Landfrau“ trägt. „Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen, wenn es euch nicht von Herzen geht.“ Wichtig ist den Betreibern außerdem die Unterstützung durch ihre Vorgänger. „Dass wir ein so gutes Verhältnis haben, freut uns“, sagt Ghafari. Von Rühls Witwe erhielten die Nachfolger sogar einige Geheimrezepte. Und so ist in der Speisekarte der beiden zu lesen: „Traditionen pflegen heißt nicht, Asche aufbewahren, sondern Glut am Glühen halten.“ Das hätte sicher auch Johann Georg Faust gefallen. Der spielt hier übrigens immer noch eine Rolle.

Bei den historischen Stadtführungen in Gelnhausen ist der Löwe eine feste Station

Ein Beispiel nehmen am alten Johann sollte sich aber keiner: „Der Sage nach soll Faust hier die Zeche geprellt haben“, verrät Klages. „Wir hoffen, dass sich eines Tages die Erben finden und die alte Schuld begleichen.“

Tipp aus der Printausgabe: August/September 2014 | Christian Schnohr

Unsere Restauranttipps in der Region

Entenviertel

Kartoffelwurst, Entengerichte, Fisch, Wild, im Hotel Klingelhöffer.

Adresse: Hersfelder Str. 47, 36304  Alsfeld
Telefon: 0 66 31/ 91 18 40
Öffnungszeiten: täglich geöffnet,
sonntagabends geschlossen

hotel-klingelhoeffer.de
Kartoffelsack

Kartoffeln querbeet mit allem dazu. Gemütlich-rustikale Gaststube.

Adresse: Markt 16, 36304  Alsfeld
Telefon: 0 66 31/20 57
Öffnungszeiten: Montag - Sonntag 10:00 - 23:30 Uhr,
Mittwoch geschlossen

www.kartoffelsack-alsfeld.de
Ramspecks Weinkeller

Gewölbekeller mit langen Tischen zwischen Weinfässern, hausgemachter Salzekuchen.

Adresse: Markt 9, 36304 Alsfeld
Telefon: 0 66 31/65 77
Öffnungszeiten: Montag - Dienstag,
Donnerstag - Freitag 17:00 – 00:00 Uhr,
Samstag 11:00 – 01:00 Uhr,
Mittwoch und Sonntag geschlossen

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